Integrationsverein LBK e.V. präsentiert:
tatarisches Sommerfest 2014 in Leipzig

Wissenswertes über die Geschichte von Sabantuj


Malerei Küräsch-Ringkampf auf einem Sabantuj-Fest
Lotfulla Fatachov (1957): Sabantuj. Quelle: Wikipedia


Tataren sind ein altes, turksprachiges Volk und gehören der islamischen Religionsgemeinschaft an. Heutzutage leben sie weit verstreut über das euro-asiatische Territorium, z.B. in Sibierien, am Ural oder auf der Krim. In Tatarstan, einer autonomen Republik innerhalb Rußlands, sind über 3 Millionen Tatar/innen beheimatet. Die Mehrheit derjenigen von ihnen, welche heute in Deutschland leben, kam nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch vor 1945 gab es Tatar/innen in diesem Land, z.B. um Handel zu treiben - die meisten hatten es aber noch vor Kriegsbeginn wieder verlassen.

Sabantuj (oder “Saban tuj”) gilt als tatarischer Nationalfeiertag. “Saban” bedeutet “Pflug” und “tuj” steht für ein Fest wie Hochzeit - somit kann “Saban tuj” mit “Fest des Pfluges” übersetzt werden. Nach der schweren Arbeit auf dem Acker für die Bauern im Frühling ist - normalerweise im Juni - ein wenig Zeit zum Ausruhen und Feiern. Ob auf dem Land oder in der Stadt, auf dem Feld, auf der Wiese oder in der Steppe - überall feiern sie es, die beiden größten Veranstaltungen finden in Kasan (Tatarstan) und Ufa (Baschkirien) statt. Familien kommen zusammen, Verwandte und Bekannte aus anderen Orten werden eingeladen, Fortgezogene kehren für diese kurze Zeit wieder in ihre Heimatdörfer und -städte zurück. Es ist eine einmalige Möglichkeit im Jahr, sich zusammenzufinden.

Traditionelle Trachten & Tänze. Quelle: askural.com

Die Ursprünge des heidnischen Frühlingsfests liegen vor weit über 1000 Jahren. Es soll aus dem Fest “Dschien” hervorgegangen sein. Über Jahrhunderte zogen die Tataren als Nomadenvolk durch die Steppe. Wenn die Zeit zum Weiterziehen nahte, setzten sich die Dorfältesten zusammen und hielten Rat ab, wo die Pferde und andere Tiere für die nächste Zeit weiden sollen. Nachdem mensch sich am neuen Wohnplatz eingerichtet hatte, war Zeit für ein Festmahl mit Spielen und Wettbewerben (Bogenschießen, Reiten etc.). Während dieser Zeit gab es keinen Krieg.
Archäologen haben Schmuck und Felsenmalereien gefunden, auf welchen zwei tatarische Männer im Ringkampf miteinander abgebildet sind. Früher hielten sie sich an Gürteln fest, heute an umgebundenen Tüchern - es ist verboten, mit den Beinen zu kämpfen. “Küräsch” (Kampf) heißt diese nur von Männern betriebene Sportart und soll Teil der Olympischen Spiele werden.

Küräsch-Ringkampf

Sabantuj, das uralte wie populäre Fest, schließt in sich eine Reihe von Sitten, Handlungen und Spiele ein. Für gewöhnlich zogen am frühen Morgen des Feiertags Musiker mit Akkordeon singend und scherzend durch das Dorf und spielten tatarische Volksweisen. Die Bewohner/innen kommen aus ihren Häusern und übergeben ihnen Geschenke für das große Fest. Als besonders wertvoll - oft in der Preishöhe eines Hammels, gilt ein kunstvoll besticktes Tuch, welches von einer jungen Bauersfrau gefertigt wurde, die nach dem letzten Sabantuj geheiratet hat. Andere schenken ein Stück Stoff, Kopf- und Tachentücher, Küchentücher, Servietten oder Tischtücher. Fast alle jungen Frauen fertigten ihre Geschenke in Handarbeit an. Ein Geschenk zu machen, ist sehr wichtig, könnte doch im Gegenfall eine Person im Dorf als gierig angesehen werden. Noch einmal gingen die Musiker mit dem Eingesammelten durchs Dorf, um die Gaben allen zu zeigen. Eines der Tücher wurde am Feldtor ausgehangen - als Symbol des Festes. Die anderen Geschenke übergab man den im Dorf respektierten Alten - den Aksakalen, welche als Jury in den Wettbewerben auftraten. Anschließend gingen alle auf den Maidan, womit im Tatarischen die Wiese oder den Dorfplatz gemeint ist, aus anderen Dörfern und Städten kommen Gäste.

Tuch als Sabantuj-Symbol

Im Vordergrund steht der sportliche Wettstreit und dieser beginnt traditionell mit einem Pferderennen. Diese Vierbeiner sind für Tatar/innen sehr wichtig. Sie lebten schon immer mit Pferden zusammen. Viele Kinder konnten bereits reiten, bevor sie zu gehen lernten. Manche sind der Ansicht, alles Zubehör, was zum Reiten gebraucht wird, hätten die Tataren erfunden. Das leicht alkoholhaltige Nationalgetränk “Kumis” wird aus gegorener Stutenmilch gewonnen. Im Frühling bringen die Stuten ihre Fohlen zur Welt und werden bis in den Herbst hinein gemolken. Dem Kumis werden heilende Wirkungen nachgesagt. Es heißt, “Saban tuj” könnte möglicherweise auch vom Wort “Saba” abstammen, ein Gefäß für Pferdemilch.

tatarisches Pferderennen. Quelle: tatar-inform.ru

Während die Teilnehmer sich auf den Weg zum Start machen, finden inzwischen andere Wettkämpfe statt: Zum Beispiel der Wettlauf, an welchem Jungen, Männer und auch die Alten teilnehmen. Letztere ziehen oft ihre Schuhe und andere überflüssgigen Leidungsstücke aus, welche beim Laufen stören könnten. Manch einer der Alten läuft auch nicht die ganze Distanz. Aus Respekt vor dem Alter wird ihnen dies nicht überl genommen.
Zeitgleich wird mit dem Küräsch begonnen. In der Regel treten im ersten Ringkampf zwei fünf-/sechsjährige Jungen oder zwei Alte gegeneinander an, anschließend ältere Jungen und danach erwchachsene Männer. Dem Sieger aus allen Runden gebührt der Titel des stärksten Kämpfers, "Batyr", und einer der besten Preise des Festes, für gewöhnlich ein Hammel.
Teil dieser vergleichsweise ernsthaften Wettkämpfe sind ebenso Gewichtheben und Armwrestling - bei letzterem treten Männer und Frauen gleichermaßen an. Für einen ganz besonderen Höhepunkt wird ein glatter Baumstamm ohne Rinde aufgestellt und in der Erde gefestigt. Am oberen Ende befindet sich ein Tuch, welches mit einer Tulpe und einem Muster bestickt ist. Es ist das schönste, der von den Bewohner/innen das ganze Jahr über bestickten und als Preise gegebenen Tücher und wird noch vor Beginn der Feierlichkeiten aufgestellt, damit es von überall in der näheren Umgebung zu sehen ist. Tatarische Männer klettern barfüßig den Stamm hinauf. Wer als erster das Tuch erreicht, wird zum Sieger gekürt und erhält ein Paar Lederstiefel - in der Tradition eines ehemaligen Nomandenvolkes ein sehr wichtiges Kleidungsstück. Das Tuch selbst wird dem Gewinner des Pferderennens erreicht.

Zeigen Batyren während des Sabantuj-Fests ihre Kraft, Kühnheit und Gewandtheit, bieten Sänger und Musiker ihre künstlerischen Talente dar. Neue Lieder werden bekannt, welche später bei der Ernte oder zu Hause an langen Winterabenden aufgegriffen und gesungen werden.

tatarischer Musiker. Quelle: www.blackseanews.net

Im zweiten Teil eines solchen Sabantuij-Fests wird zu vor allem der Unterhaltung dienenden Aktivitäten übergegangen: Beispielsweise sitzen sich zwei Männer auf einem Baumstamm gegenüber, jeder einen Strohsack in den Händen und kämpfen damit gegeneinander. Sehr beliebt ist der "Wettkampf der Bräute", zu dem die Frauen wetten, wer von ihnen das Wasser in zwei Eimern mit einem Schulterjoch schneller zum Ziel trägt und dabei keines verschüttet. Auch Männer machen bei diesem Lauf mit.
"Kostenlose Joghurtmasken", so wird mit Augenzwinkern behauptet, erhalten jene, welche darum wetteifern, wer als erste/r aus seiner/ihrer mit Joghurt (oder Buttermilch) gefüllten Schüssel mit Hilfe von Mund und Zunge eine Münze herausfischen kann.
Geschirr zu zerschlagen und das poltern zu hören, soll sich auf das Nervensystem positiv auswirken. Wen wundert es, daß sich Topfschlagen während eines Sabantuj-Fests großer Beliebtheit erfreut. Mit verbundenen muß Augen gilt es, einen Topf oder Krug zu finden und zu zerschlagen, worunter ein Geschenk versteckt ist.
Auch Tauziehen und Sackhüpfen, und Eierlaufen mit dem Eierlöffel im Mund gehören dazu.

Wettlauf im Wassertragen

Ausgehend von einer tatarischen Initiative, dieses traditionsreiche und lebendige Volksfest in die Liste des immateriellen UNESCO-Weltkulturerbes aufzunehmen, ist ihr Antrag in die Warteliste aufgenommen worden.

Seit dem Jahre 2002 wird Sabantuj auch in Berlin gefeiert, zunächst als kleines Straßenfest - im Jahr 2004 zum ersten Mal in einem Berliner Park (Freizeitzentrum Wuhlheide). Auf Grundlage der Partnerschaft zwischen Tatarstan und Sachsen findet es in diesem Jahr erstmals in Leipzig statt.